| Feinere Methoden der Zöliakie-Diagnostik zeigen: Die
Allergie gegen den Getreidekleber Gluten ist weit häufiger als angenommen.
Von Andreas Eisenring
Vor einigen Jahren war noch jeder Tausendste betroffen, heute beinahe jeder Hundertste:
Zöliakie, die Darmallergie gegen den Weizenkleber Gluten. "Schuld" an diesem
Missstand ist die verbesserte Diagnostik: Bis vor wenigen Jahren war die
Zöliakie-Diagnose nur mittels einer Dünndarm-Biopsie, einer Gewebsentnahme, die
mikroskopisch untersucht werden musste, möglich. Heute kann bei einem Verdacht eine erste
Diagnose auch mit Hilfe der Antikörperbestimmung nach einer Blutentnahme erfolgen -
seither werden mehr Patienten entdeckt. Christian
Braegger, Leiter der Abteilung Gastroenterologie und Ernährung am Kinderspital Zürich, vermutet, dass die bisherigen
Zahlen nur die Spitze des Eisbergs seien: Zöliakie wird zu einer der häufigsten
Darmkrankheiten überhaupt.
Irrweg in die Psychiatrie
Inzwischen belegen Statistiken, dass es im Durchschnitt dreizehn Jahre dauert, bis
Zöliakie diagnostiziert wird. Das sie lange Zeit fälschlicherweise als Krankheit des
Kindesalters eingestuft wurde, wussten oft nur gerade Kinderärzte einigermassen Bescheid.
Allgemeinpraktiker sind deshalb noch heute oft ungenügend informiert. Zudem erschwert die
grosse Bandbreite von möglichen Symptomen die schnelle Diagnose. Wenn beispielsweise die
Krankheit nur zu einer isolierten Mangelerscheinung führt wie etwa zu Eisenmangel. Oder
bei von der Zöliakie hervorgerufenen psychischen Problemen, die fälschlicherweise
psychiatrisch angegangen werden. ZöliakiePatienten haben eine erhöhte Neigung zur
Depression. Das hat in der Vergangenheit zu teils tragischen Fehlbehandlungen bis hin zur
psychiatrischen Hospitalisation geführt.
Unter Zöliakie versteht die Fachwelt eine chronische Autoimmunkrankheit, die durch den
Genuss getreidehaltiger Esswaren ausgelöst wird. Gegen das im Mehl von Weizen, Roggen,
Hafer und Gerste enthaltenen Klebereiweiss (Gluten oder Gliadin) bilden sich Antikörper,
gleichzeitig werden aber auch die Darmstrukturen selber in Mitleidenschaft gezogen - ein
Angriff des Immunsystems auf den eigenen Körper also. Seit dem vergangenen Jahr weiss
man, worauf die Antikörper reagieren. Das Enzym Transglutaminase wird vom Immunsystem
angegriffen.
Gene spielen mit
Die Folge ist eine Veränderung der Dünndarmschleimhaut, deren Zotten verkümmern und
deshalb lebenswichtige Stoffe nicht mehr resorbieren können. Mögliche Auswirkungen einer
nichtentdeckten Zöliakie sind etwa chronische Darmbeschwerden wie Bauchschmerzen und
Durchfall, Gewichtsverlust und Kleinwuchs. Dazu gehören auch Eisen- und Kalziummangel,
Osteoporose (Knochenschwund), Schlafstörungen, Depressionen sowie ein erhöhtes Risiko
von Darmtumoren.
Zöliakie ist zwar keine Erbkrankheit im engeren Sinne, tritt aber doch familiär
gehäuft auf. Bei eineiigen Zwillingen liegt die Übereinstimmung bei 70 Prozent. Ein
Zusammenhang mit Genen von Eiweissen, welche für die Immunantwort wichtig sind, konnte
bereits aufgezeigt werden. Bezüglich der Verbindung mit weiteren genetischen Merkmalen
läuft momentan eine europaweite Untersuchung mit vielen hundert Versuchspersonen, an der
die Schweiz durch Christian Braegger mitbeteiligt ist: "Wir erhoffen uns eine
Lokalisierung der Gene, welche zu dieser Veranlagung führen. Damit können eventuell auch
Rückschlüsse auf die Entstehung von anderen möglichen Autoimmunkrankheiten wie etwa
Jugenddiabetes gezogen werden."
Für die von England aus organisierte Untersuchung wurden Familien mit zwei betroffenen
Kindern und einem Elternteil gesucht, im Idealfall mit weiteren Mitgliedern derselben
Familie, die nicht betroffen sind, so dass ein Genvergleich möglich wurde. Auf der
schwierigen Suche in der Schweiz ist Christian Braegger schliesslich auf mehrere Familien
gestossen, darunter zwei Grossfamilien mit 12 und 15 Mitgliedern. Erste Resultate werden
in ein paar Monaten erwartet.
Ein Gramm Mehl genügt
Zöliakie könnte einfach behandelt werden: Bei strikter Einhaltung glutenfreier
Ernährung erholt sich die Darmschleimhaut innerhalb einiger Wochen bis Monate, so dass
die Kranken in der Regel ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen weiterleben können.
Braegger: "Zöliakie ist im Gegensatz zu gewissen rheumatischen Krankheiten oder
Schilddrüsenentzündungen die einzige Immunkrankheit, welche durch eine Diät erfolgreich
behandelt werden kann." Die glutenfreie Diät muss nach bisherigen Erkenntnissen
allerdings lebenslang eingehalten werden. Nur in ganz seltenen Fällen sind nach
kontrollierter Glutenbelastung Rückfälle eingetreten. So erwähnt man im Kinderspital
Zürich lediglich einen solchen Fall in zehn Jahren, wobei die Möglichkeit einer
Fehldiagnose nicht ausgeschlossen wird.
Aufwendig und teuer
Der Zöliakie-Alltag duldet allerdings keine Nachlässigkeit: Bereits Kleinstmengen,
zum Beispiel ein bis zwei Gramm Mehl, stören die Darmschleimhaut nachhaltig, oft erst mit
monatelanger Verzögerung. Ein konsequentes Befolgen der Diät ist aber aufwendig und auch
teuer. Wer das oftmals fade glutenfreie Industriebrot durch selbstgebackenes ersetzen
will, muss Zeit für aufwendige Backexperimente in Kauf nehmen, bis mit dem teuren
Spezialmehl - Kilopreis bis zu 18 Franken! - ein geschmacklich einigermassen geniessbares
Spezialbrot gelingt. Letztlich ist Gluten Klebereiweiss, welches beim Backen den Teig
lockert, weshalb es nicht einfach ist, ein luftiges Brot hinzukriegen.
Allgemein haben sich Betroffene im Alltag umfangreiche Lebensmittelkenntnisse
anzueignen und mit ständig wechselnden oder ungenauen Deklarationen herumzuschlagen. Die
Schweizerische Interessengemeinschaft für Zöliakie hofft, dass sich die
Deklarationspflicht bezüglich Stärke bis spätestens im Jahr 2001 den EU-Normen
angleichen wird, was die Unsicherheit beim täglichen Einkauf verringern würde. |