Neues Prinzip zur Therapie der erektilen Dysfunktion: Sildenafil (Viagra®)

Kritische Stimmen: hier!   (Dosis)Wirkungsstudie hier

P. Weidmann
Zusammenfassung:
Die erektile Dysfunktion kann psychische und vielfältige -organische Ursachen haben. Dies bedingt in jedem Fall eine sorgfältige Abklärung. Manche Medikamente können die Erektion stören und sollten vor anderen Maßnahmen abgesetzt werden. Organische Krankheiten sind zu erfassen und wenn möglich gezielt zu behandeln. Bei der verbleibenden großen Mehrheit der Betroffenen hilft gelegentlich die psychologische Behandlung und Partnerberatung. Schließlich kommt jedoch meist der Wunsch nach einem wirksamen Medikament.
Sildenafil bietet diesbezüglich einen Fortschritt. Oral verabreichtes Sildenafil hemmt kompetitiv die in den Schwellkörpern vorhandene Phosphodiesterase Typ 5, die physiologischerweise das NO-induzierte zyklische GMP inaktiviert. Dadurch kann Sildenafil bei Patienten mit erektiler Dysfunktion die zyklische GMP-Konzentration erhöhen und so die NO zyklische GMP-vermittelte Vasorelaxation der Schwellkörperarteriolen und Sinusoide potenzieren.

Die neue Therapie mit Sildenafil ist attraktiv, weil 1. es sich um die erste Pille mit erwiesener Wirksamkeit bei den meisten Betroffenen handelt,- 2. Sildenafil im Vergleich zu bisherigen Behandlungsmethoden (wie Medikamenten-Injektionen ins Glied, -instillationen in die Harnröhre, Saugpumpen oder gar Prothesen) mindestens ebenso effektiv, einfach einnehmbar und risikoäriner ist; 3. dieses Medikament die Erektion sinnvollerweise nur während sexueller Anregung stimuliert. Und weil 4. Nebenwirkungen (Kopfweh, Gesichtswärme, Oberbauchbeschwerden) meist leichtgradig und vorübergehend waren, so daß nur 4 % der Behandelten deswegen diese Therapie abbrachen. Sildenafil wird nach Bedarf jeweils 1 Stunde vor einer geplanten sexuellen Aktivität eingenommen. Die neue «Pille» hat das Potential, des Knaben geschwächtem Wunderhorn frischen Klang zu verleihen.
Erektile Dysfunktion ist häufig. So sind etwa 10% der Männer aller Altersgruppen und gut 50 % der 50bis 70jährigen weitgehend unfähig, die für eine zufriedenstellende sexuelle Leistung genügende Erektion zu erreichen oder aufrechtzuerhalten. Bei Patienten mit Diabetes mellitus oder terminaler Niereninsuffizienz/Dialysebehandlung ist die Prävalenz noch höher als bei gleichaltrigen Personen der Allgemeinpopulation.

Ursachen erektiler Dysfunktion

Differential-diagnostisch kommen in Frage:
     iconpille.gif (1289 Byte)Interferierende Medikamente, Alkohol, Drogen (häufig).
    iconpille.gif (1289 Byte)Testosteronmangel: Letzterer kann Folge einer hypophysären Unterfunktion (mit verminderter LH-Sekretion), primären Hodenerkrankung (mit Leydig-Zellschädigung) oder einer Hyperprolactinämie infolge Prolactinom, terminaler Niereninsuffizienz oder anderer Störungen sein. Die Hyperprolactinämie übt ihre reduzierende Wirkung auf Plasma-Testosteron, das Testosteron-bindende Protein, die Libido und Erektion wahrscheinlich via Hemmung der hypothalamischen Sekretion
    von Gonadotropin-releasing-Hormon und dadurch von LH und FSH aus. Dazu hemmt Prolactin die Potenz möglicherweise auch Testosteronunabhängig. Östrogenexzeß z.B. bei Leberzirrhose) bedingt im Verhältnis inadäquate Androgenspiegel.
    iconpille.gif (1289 Byte)Hyper- oder Hypothyreose, Cushing.
    iconpille.gif (1289 Byte)Autonome, parasympathische Insuffizienz und dadurch ungenügende cholinerge Innervation der Penisschwellkörper, bei Diabetes mellitus, terminalem Nierenversagen, hohem Alter und anderem (häufig).
    iconpille.gif (1289 Byte)Neurale Läsionen im Bereich des vorderen Temporallappens, Rückenmarks oder der parasympathischen N. erigentes (letzteres als Komplikation nach totaler Prostatektomie, Recto-Sigmoid- oder aortalen Bypass-Operationen).
    iconpille.gif (1289 Byte)Ungenügender Blutzufluß zu den Penisschwellkörpern, infolge aorto-iliakaler arteriosklerotischer Stenosen (Leriche-Syndrom, und anderes) oder arterieller Obstruktion im pelvin-penilen Bereich (z.B. bei diabetischer Angiopathie).
    iconpille.gif (1289 Byte)Möglicherweise eine gestörte Myorelaxation der Schwellkörpergefäße (bei Diabetes?).
    iconpille.gif (1289 Byte)Penisschädigung bei Stenosen nach Priapismus, Trauma oder M. Peyronie (selten).
    iconpille.gif (1289 Byte)Nach Ausschluss dieser organischen Veränderungen, als häufigste Ursache, psychische Faktoren wie Angst, Spannung, Depression und andere.
Bei Männern mit Urämie bzw. unter Dialysebehandlung ist die neuro-endokrine Dysregulation besonders komplex. Autonome Dysfunktion, Testosteronmangel und Hyperprolactinämie sind häufig. Die Tendenz zu niedrigem Plasma-Testosteronspiegel beruht vor allem auf einer Leydig-Zell-Insuffizienz, während die Plasmaspiegel von LH meist hoch und von FSH normal bis hoch sind. Der bei Niereninsuffizienz auftretende hyperparathyreoidismus trägt möglicherweise ebenfalls zur sexuellen Dysfunktion bei terminal Nierenkranken bei. Ein schädigender Einfluß des sekundären Hyperparathyreoidismus auf das Nervensystem oder direkt auf die sexuellen Funktionszellen (durch Kalzium-Überladung) wurde postuliert. Diese neuralen und endokrinen Veränderungen werden komplementiert durch eine gewichtige psychische Komponente: Depression bei 40 bis 50% der Dialysepatienten, Angst und anderes.
Die Rolle der für die Schwellkörper-Relaxation sehr wichtigen nicht-adrenergen-nicht-cholinergen Neurone und des von diesen iniziierten NO-zyklisches Guanosinmonophosphat (GMP)-Mechanismus in der Pathogenese der erektilen Dysfunktion ist noch nicht bekannt.

Behandlung der erektilen Dysfunktion

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick:
Therapeutische Ansätze
Kommentar
Stopp begünstigender Pharmaka
Antihypertensiva (außer ACE-Hemmer; (Alpha1 -Blocker? Verapamil? Angiotensin II-Antagonist?) Anti-Cholinergica-, -Histaminica (inklusive H2), Antidepressiva, Antipsychotica, Sedativa, Anxiolytica, Alkohol, Narkotika
Nur bei Spezialindikationen:
 
Androgene
Bei Hypogonadismus
Bromocriptin
Bei Hyperprolactinämie, Prolactinom
Erythropoietin
Bei schwerer renaler Anämie
1,25 (OH)2-Vitamin D oder Parathyreoidektomie?
Bei Hyperparathyreoidismus bei Dialysepatienten
Aorta-A. iliaca-Operation
Bei Leriche, pelvinen Arterienstenosen
In refraktären Fällen: eventuell Prothese
Heroisch, aufwendig
   
Nach Ausschluß behandelbarer organischer Ursachen:
 
Psychiatrische Behandlung/Partnerberatung
Bei Angst, Depression u.a.
Nashorn-, Tigerknochenpulver, Stierhoden, span. Fliege u. a.
Umweltschädigend bzw. amüsant
Yohimbin HCI allein oder kombiniert mit Methyltestosteron, Vitaminen, Coffein
Limitierter Effekt (ZNS-vermittelt?)
intracavernöse Vasodilatator-Injektion: PGE1, Papaverin, Phentolamin
Effektiv (während 1/2-2 h bei 70%)
Potentiell schwere NW (Priapismus u.a.) Etwa 40% Therapieabbruch nach 12 Monaten
MUSE = mediated urethral system mit PGE1
Weniger effektiv als i.c., zusätzlich Gummiband
Vakuum-Saugpumpe + Gummiband
 
   
Neu: Phosphodiesterasehemmer Sildenafil
Oral, effektiv, akzeptable Verträglichkeit

Fokus auf Sildenafil

Bei der Vasorelaxation der C. cavernosa spielt NO eine sehr wichtige Rolle. Über non-adrenerge, non-cholinerge Neurone ankommende Impulse setzen an den Penisschwellkörpern NO frei. Dieses aktiviert seinen «second messenger», das zyklische GMP. Dieses dilatiert (komplementär mit dem indirekt wirkenden Acetylcholin und vasorelaxierenden Peptiden) die Arteriolen und angeschlossenen Schwellkörper, worauf' das Blut einschießt, der intrapenile Druck steigt und das Glied sich aufrichtet. Oral verabreichtes Sildenafil hemmt kompetitiv die in den Schwellkörpern vorhandene Phosphodiesterase Typ 5, die physiologischerweise das NO-induzierte zyklische GMP inaktiviert. Dadurch kann Sildenafil bei Männern mit erektiler Dysfunktion die zyklische GMP-Konzentration erhöhen und so die NO-zyklisches-GMP-vermittelte Vasorelaxation und Füllung der Schwellkörper verbessern. Voraussetzung für diesen therapeutischen Effekt ist eine (via non-adrenerge, non-cholinerge Neurone) aktivierte NO-zyklisches-GMP-Kaskade (Abb. 1). Das heißt, Sildenafil fördert die Erektion sinnvollerweise nicht im erotisch unangeregten Zustand, sondern ausschließlich während visueller oder anderer sexueller Stimulation. Androgene und Neurotransmission werden durch Sildenafil nicht modifiziert, so daß die übrigen «Potenz-Komponenten», d.h. Libido und Ejakulation, unbeeinflußt bleiben.
viagra.gif (80402 Byte)
Placebo-kontrollierte, doppelt-blinde Untersuchungen Placebo-kontrollierte, doppelt-blinde Untersuchungen von Sildenafil an bisher mehr als 1500 Männern mit erektiler Dysfunktion haben beispielsweise folgende Resultate ergeben:
Bei Männern mit erektiler Dysfunktion ohne bekannte organische Ursache und im Alter von etwa 25 bis 70 Jahren erhöhte Sildenafil per os dosis-abhängig (Einzel-Dosen von 10 bis 50 mg) die Dauer und Zahl von für penetrativen Geschlechtsverkehr genügenden Erektionen. Einzeldosen von 50 mg steigerten während anschließender visueller sexueller Stimulation die Erektionsdauer mit Rigidität von > 80% (gemessen mittels RigiScan) auf durchschnittlich 9 min gegenüber 1 min nach Placebo. Bei einmal täglicher Einnahme über vier Wochen wurde eine verbesserte Erektion unter25 bzw. 5Omg/d von 79 bis 89 %, unter Placebo von 38 % berichtet. Über diesen Zeitraum hinweg erhöhte nach Bedarf (also nicht täglich) eingenommenes Sildenafil in Einzel-Tagesdosen von 25 bis 75 mg die Zahl der für penetrativen GV genügenden Erektionen gegenüber Placebo auf etwa das Dreifache. Bei fortgesetzter «Nach-Bedarf-Einnahme» während eines Jahres (Einzeltagesdosen 10-100 mg, nun nicht mehr «blind») verspürten 271 von 311 Patienten (87%) eine aufrechterhaltene Wirksamkeit.
Eine gute Wirksamkeit wurde auch bei rund 55 % Diabetikern (Typ 1 oder 2) mit erektiler Dysfunktion beobachtet. In der bisher publizierten Studie stieg die Rigiditätsdauer nach 25-50 mg Einzel-Tagesdosen gegenüber Placebo durchschnittlich etwa auf das Fünffache und während 10tägigerEinnahmedieZahl «genügender» Erektionen auf etwa das Zweieinhalbfache. Bei Patienten mit Rückenmarksläsionen, die noch über eine residuelle reflexogene Erektionskapazität verfügten, erhöhten 50 mg Sildenafil die vibrator-induzierte Penisrigidität und -rigiditätsdauer. Bei Einnahmen nach Bedarf über 28 Tage hatten 9 von 12 Patienten eine verbesserte Erektion. Bei Patienten mit Urämie oder unter Dialysebehandlung liegen zu Sildenafil noch keine Daten vor.
Der erektionsfördernde Effekt von Sildenafil erreicht, ebenso wie dessen Plasmakonzentration, etwa 1 Stunde nach Einnahme das Maximum, und die Wirkung verflüchtigt sich nach 4 bis 6 Stunden. Deshalb muß die Medikamenteneinnahme nicht täglich stattfinden, sondern sollte nach Bedarf jeweils 1 Stunde vor geplanten/vorausgeahnten sexuellen Aktivitäten erfolgen. Empfohlene Dosis 25 (Start) bis 50 mg, maximal 100 mg, nicht mehr als einmal täglich.
Als Nebenwirkungen kann Sildenafil Kopfweh, Flush oder Dyspepsie verursachen. Diese Symptome waren unter Sildenafil häufiger als unter Placebo, jedoch meist leichtgradig und oft passager. Nur rund 4% brachen nebenwirkungsbedingt die Behandlung ab. Als deren Ursache wird Vasodilatation auch in verschiedenen extrapenilen Gefäßbetten angenommen.
Zusammenfassend präsentiert sich Sildenafil als neues, einfach einnehmbares, nur vor dem Akt einzunehmendes und akzeptabel verträgliches Therapieprinzip mit erwiesener Wirksamkeit bei gut 85 % der Patienten mit erektiler Dysfunktion ohne erkennbare organische Ursache, etwa 55 % der von Erektionsstörung betroffenen Diabetiker (die auch entsprechend weniger auf Placebo ansprechen) sowie auch Patienten mit Rückenmarksläsion sind gewisser residueller reflexogener Erektionskapazität. Gemäß Angaben der Herstellerfirma (Pfizer) sollte Sildenafil im Laufe 1998 in Europa und den USA in den Handel kommen.
(aus der Therapeutischen Umschau, Band 55, 1998, Heft 6)

Und hier noch 4  kritische Stimmen:

iconpille.gif (1289 Byte)Die Pille für den Manniconpille.gif (1289 Byte)Die Pille für den Mann
Dreissig Jahre nach der Erfindung der Antibabypille scheint ein neues Medikament die zweite sexuelle Revolution auszulösen. Unzählige Amerikaner bekunden, die Potenzpille Viagra habe ihr Sexualleben von Grund auf verändert, die körperliche Liebe sei befriedigend wie nie zuvor. Auch die Frauen seien begeistert, sagen die Männer. In kürzester Zeit ist die Pille gegen Impotenz zum begehrtesten Medikament geworden, das je auf den US-Markt kam. Nicht nur Diabetiker, Prostatakranke oder durch andere Leiden zeitweise impotent gewordene Männer greifen zur Pille; fast jeder Mann zwischen zwanzig und achtzig Jahren verlangt danach, will sie zumindest ausprobieren.

Die amerikanische Autorin Erica Jong meint, Viagra sei »das perfekte amerikanische Medikament«. Denn Viagra lässt den Mann vergessen machen, wie alt er ist. Und macht ihn glauben, je zuverlässiger das Sexualorgan funktioniere, desto perfekter sei auch der Sex. Die Pille für den Mann ist ein Zufallsprodukt der Laborforschung; aber es wäre ohnehin nur eine Frage der Zeit gewesen, bis eine Gesellschaft, in der Ehemänner ihren Frauen zum Vierzigsten Gutscheine zur Bruststraffung schenken, sich auch der Schwellkörperstraffung annehmen würde. Doch Viagra ist nicht ausschliesslich ein Phänomen der jugend- und leistungsfixierten Amerikaner. Die deutschen und schweizer Männer können es kaum erwarten, bis die blaue Pille im Herbst auch hierzulande zu kaufen sein wird. Das faszinierende an dem Medikament scheint die Mischung aus Kalkulierbarkeit und Rausch zu sein. Zunächst einmal hat die Einnahme der Pille etwas ungemein Tröstliches. Nach etwa einer Stunde stellt sich, komme was wolle, eine Erektion ein, die bis zu vier Stunden anhält. Der Liebesakt, eine bisher recht störanfällige Angelegenheit, wird berechenbar. Gleichzeitig berichten »Patienten«, Viagra-Sex sei intensiver als alles, was sie zuvor erlebten. In den USA wird die Pille folglich auch als Liebesdroge bezeichnet. Die Aussicht auf eine Entgrenzung auf Zeit - noch dazu auf Rezept - hat wohl etwas sehr Reizvolles: Womöglich ist so der Traum vom alles erchütternden sexuellen Erlebnis zu realisieren, bei gleichzeitiger Garantie auf seelische Unversehrtheit. Denn wenn ein chemischer Wirkstoff die Ursache für den sexuellen Höhenrausch ist und nicht das Blau irgendwelchen Frauenaugen, dann ist man auch nicht an die jeweilige Partnerin gebunden oder gar von ihr abhängig. Abhängig macht allenfalls die Pille, aber die kann man ja kaufen.

Hat die Antibabypille die Sexualität von der Fruchtbarkeit getrennt; so geht die Pille für den Mann noch einen Schritt weiter: Sie trennt Kopf und Körper, technisiert die sexuelle Beziehung. Hat die Antibabypille nur die Verantwortung für die Empfängnisverhütung an die Chemie abgegeben, so gibt die Pille für den Mann die Verantwortung für das Gelingen der sexuellen Begegnung an das Medikament ab. Erotik wird berechenbar, beliebig einsetzbar und verliert somit ihre Macht. Die Liebe macht mit den Menschen nicht mehr, was sie will. Umgekehrt soll es werden: der Mensch macht mit der Liebe, was er will. Welche Auswirkungen Viagra auf die Beziehung zwischen den Geschlechtern haben wird, darüber kann vorerst nur spekuliert werden. Unbestritten ist sie für körperlich beeinträchtigte Männer ein Segen. Wer aber kümmert sich um die psychischen Gründe einer Impotenz, wenn sie sich per Medikament viel bequemer beheben lässt? Wer entscheidet, wieviel Sex pro Woche verschrieben werden darf? Und wer übernimmt die Kosten von immerhin 30 Mark pro Stück? Wird für ältere Paare, die zwar innig, aber abgekühlt miteinander umgehen, Sex wieder zur Pflicht? Dabei sind gerade solche leidenschaftslosen Ehen oftmals nicht die schlechtesten. Viagra wird die Sexualität sicherlich etwas weniger human machen. Es sind ja nicht zuletzt die verkorksten, die missratenen Liebesnächte, die zwei Menschen einander näher bringen, die sie über sich selbst lachen lassen.

Die Potenzpille wird viele Männer von Versagensängsten befreien - aber auch das ist nur vordergründig sicher. Wenn nämlich der Griff zur Pille erst so gewöhnlich wird wie Silikonbusen und Haarwuchsmittel, dann wird wieder der Mann mit der, wenn man es so nennen will, »authentischen Erektion« der begehrteste sein, Frauen werden wissen wollen, worauf die Lust ihres Partners zurückzuführen ist: auf ihre Anwesenheit, ihre Reize oder nur darauf, dass er eine Pille geschluckt hat? Wird dann nicht bald derjenige mit den ganz durchschnittlichen Leistungen der überdurchschnittliche Liebhaber werden? Die meisten Frauen wollen keinen Hengst im Bett. Vielleicht hilft ausgerechnet Viagra, dass auch die Männer das endlich begreifen.
Annette Pfeiffer, Stuttgarter Zeitung


iconpille.gif (1289 Byte)arznei-telegramm, 10.Juni1998, 6/98:

ARZNEIMITTELSICHERHEIT UND VIAGRA ARZNEIMITTELSICHERHEIT UND VIAGRA - PLÄDOYER FÜR DIE EINSTWEILIGE MARKTRÜCKNAHME

Einige Arzneimittelnamen stehen für mehr als nur für die Bezeichnung eines Arzneistoffs. So gilt CONTERGAN als Synonym für die Arzneimittelkatastrophe schlechthin und die Notwendigkeit, ein Arzneimittelgesetz zur Risikoabwehr zu schaffen. Der als Krebsmittel bezeichnete Presssaft der fleischfressenden Pflanze Venusfliegenfalle CARNIVORA erinnert an die fatalen Folgen, wenn lebensbedrohliche Schadeffekte als Wirksamkeitsbeleg fehldeklariert werden (a-t 7 [1985], 51; 8 [1986], 70; vgl. Silikon, Seite 60). Schliesslich bringt der Appetithemmer PONDERAX die Erfahrung, dass häufige lebensbedrohliche Risiken auch noch ein Vierteljahrhundert nach Markteinführung erstmals auffällig werden können (a-t 9 [1997], 100).
Auch das Potenzmittel Sildenafil (VIAGRA) hat bereits einen Platz unter den bedeutungsträchtigen Arzneimitteln. Als Schnellstarter Nr. 1 der Arzneigeschichte gelangt es innerhalb von sechs Wochen von null auf eine Million Verordnungen. Dies beflügelt zwar die Börse, gilt aber unter Experten für Arzneimittelsicherheit als höchste Alarmstufe. So ließ sich der in den 80er Jahren durch die Laienpresse stimulierte Massengebrauch von CARNIVORA angesichts lebensbedrohlicher Schockreaktionen nur durch Vertriebsstopp in den Griff bekommen (a-t 1 [1986], 6). Aggressive Werbung in Fach- und Laienmedien bescherten Lilly ein Anfangshoch in den Verordnungszahlen des Rheumamittels Benoxaprofen (COXIGON). Wegen tödlicher Cholestase oder Nierenversagens sowie schwerer Hautschäden musste es brüsk gestoppt werden (a-t 7 [1982], 61; 8 [1983], 75). Ein ähnliches Strohfeuer erlebten die als "Rheumainnovation dieses Jahrzehnts" bezeichneten Indometazin-Retard-Formulierungen AMUNO GITS/OSMOGIT, die wenige Monate nach Markteinführung wegen ihres "Lötlampeneffektes" an der Magen-Darm-Schleimhaut aus dem Handel gezogen werden mussten (a-t 9 [1983], 87). Kurz nach Einführung in den USA hat VIAGRA weltweit bereits den Status einer Lifestyle-Droge. Die Internet-Buchhandlung amazon.com offeriert bereits vier Bücher über VIA GRA. Der Vertrieb des verschreibungspflichtigen Mittels entzieht sich jeder Kontrolle. Zwar darf es nur nach Vorlage eines Rezeptes durch Apotheken importiert werden. Es kann jedoch leicht mit Hilfe virtueller "Ärzte" per Internet (cave wirkstofffreie Fälschungen) oder über Kleinanzeigen, die in Tageszeitungen geschaltet werden, über die Schweiz bezogen werden. So gelangt VIAGRA ohne ärztliche Untersucnung an den Verbraucher. Gerade diese ist angesichts der Risiken des Potenzmittels dringend erforderlich:
Todesfälle in Verbindung mit VIAGRA werden auf ver stärkten, irreversiblen Blutdruckabfall in Kombination mit Glyzeroltrinitrat (NITROLINGUAL u.a.) und ähnlichen Mitteln zurückgeführt. Ist Herzmuskelgewebe minderver sorgt, kann dies zu Infarkt und Tod führen. Pfizer warnt in den USA vor der Interaktion mit Nitraten und dem NO-Donor Nitroprussid-Natrium (NIPRUSS). Erfahrungsgemäß werden solche Hinweise jedoch selbst bei lebensbedrohlichen Folgen der Fehlanwendung oft nicht beachtet (Beispiel Terfenadin [TELDANE]: a-t 1 [19971, 16). Zudem besteht gera de bei einem Potenzmittel eine hohe Wahrscheinächkeit, dass Männer sich über alle Warnungen hinwegsetzen. Die Boule vardpresse fördert und bespöttelt dies zugleich: "Alt, herzkrank - trotzdem schlucken sie die Potenzpille" (Bild vom 25. Mai 1998). Pfizer/USA fordert Intensivmediziner auf, bei allen Männern mit Herzkreislaufversagen nachzuforschen, ob sie Herzmedikamente mit VIAGRA kombiniert haben. Nie driger Blutdruck, Schlaganfall oder Herzinfarkt in aktueller Vorgeschichte sowie schwere Herz- oder Leberprobleme gelten als Gegenanzeigen.
Die Erfassung unerwünschter Effekte außerhalb kontrollierter Studien bereitet besondere Schwierigkeiten. Selbst töd liche Anwendungen bleiben unerkannt. Die Einnahme von Sildenafil dürfte Partnerin und Angehörigen oft verbor gen bleiben, und Tod beim Geschlechtsverkehr kommt bei äl teren Männern immer wieder vor. Ist eine Nebenwirkung Teil einer alltäglichen Situation oder der zu behandelnden Erkrankungen, wird ein Medikament als Auslöser oft übersehen. Solche Abgrenzungsschwierigkeiten verhinderten, dass die leberschädigenden Effekte des "Leberschutzstoffes" Cianidanol (CATERGEN) rechtzeitig erkannt wurden (a-t 9 [1985], 73). Gleiches gilt für Antiarrhythmika, deren lebensbedrohliches arrythmogenes Potential lange unbeachtet blieb.
Beeinträchtigungen des Sehvermögens (bis 11% bei 50-100 mg, 50% bei mehr als 100 mg) mit Schleiersehen, Stunden anhaltender Farbwahrnehmungsstörung, Blausehen sowie mangelnder Grün-Blau-Unterscheidungsfähigkeit schrecken VIAGRA-Anwender offenbar kaum ab. Vorbestehende Erkrankungen der Netzhaut erscheinen als Risikofaktor. Augenärztliche Kontrollen sind jedoch vor der Verordnung nicht vorgesehen. Langzeitfolgen für die Augen sowie Gefährdung bei Vorschädigung der Retina sind nicht hinreichend geprüft. In Tierversuchen ist Blindheit aufgefallen.

FAZIT: Die unkontrollierbare und ausufernde Verwendung des nur in den USA zugelassenen verschreibungspflichtigen Potenzmittels Sildinafil (VIAGRA; a-t 5 [1998], FAZIT: Die unkontrollierbare und ausufernde Verwendung des nur in den USA zugelassenen verschreibungspflichtigen Potenzmittels Sildinafil (VIAGRA; a-t 5 [1998], 50) gefährdet die Anwender. Sie werden nicht vor tödlichen und die Lebensqualität beeinträchtigenden Schadeffekten geschützt. Bereits wenige Wochen nach Markteinführung in den USA gilt VIAGRA weltweit als Lifestyle-Droge. Die europäische Zulassungsbehörde erwartet die Einführung in Staaten der europäischen Union in drei bis vier Monaten. Nur durch Importverbot (z.B. wie in Israel) bzw. Marktrücknahme und Aussetzen der Einführung in Europa lassen sich das Risikopotential mindern und Anwender schützen. Dadurch entsteht der Freiraum, in kontrollierten klinischen Studien zu prüfen, wer wirklich von dem Mittel profitiert und wer davor geschützt werden muss. Erst dann sollte über die Bedingungen des erneuten Inverkehrbringens sowie über die Zulassung in Europa entschieden werden.


iconpille.gif (1289 Byte)pharma-kritik, Nummer 19/1997 (copyright by Infomed-Verlags-AG, CH-9501 Wil)

Sildenafil

E. Gysling

Sildenafil (Viagra®), ein Phosphodiesterasehemmer, wird zur oralen Behandlung der erektilen Dysfunktion empfohlen.

Chemie/Pharmakologie
Sildenafil ist ein Piperazinderivat das in Form des Citrats verabreicht wird. Dieses Medikament kann die physiologische Reaktion auf sexuelle Reize verstärken. Die Erektion des Penis wird folgendermassen ausgelöst: Wenn bei sexueller Erregung von den Nervenendigungen und Endothelzellen Stickstoffmonoxid (NO) freigesetzt wird, so bindet sich dieses an Rezeptoren der glatten Muskulatur der Corpora cavernosa. Dies fährt zur Bildung von zyklischem Guanosinmonophosphat (cGMP) und zur Relaxation der glatten Muskulatur, worauf mehr Blut in die Corpora cavernosa einströmt. Dieser Prozess wird durch Einwirkung der Phosphodiesterase Typ V (welche cGMP zu GMP konvertiert) rückgängig gemacht.
Sildenafil hemmt die Phosphodiesterase Typ V, die sich auch in der glatten Gefässmuskulatur findet. Ausserdem hat Sildenafil eine Hemmwirkung auf den Typ VI der Phosphodiesterase, die für die Lichtübertragung in der Netzhaut von Bedeutung ist. Andere Phosphodiesterasen, z.B. der Typ III, der an der kardialen Kontraktilität beteiligt ist, werden dagegen kaum beeinflusst.

Pharmakokinetik
Nach oraler Einnahme wird Sildenafil rasch resorbiert. Wenn es auf den nüchternen Magen genommen wird, erreicht es durchschnittlich innerhalb einer Stunde maximale Plasmaspiegel. Wird das Medikament mit einer fettreichen Mahlzeit zusammen eingenommen, so dauert es etwa eine Stunde länger, bis maximale Spiegel erreicht sind; gegenüber der Nüchterneinnahme sind die maximalen Plasmakonzentrationen dann etwa 30% niedriger.(1) Die Bioverfügbarkeit beträgt etwa 40%. Sildenafil wird in der Leber durch Zytochrome metabolisiert. Dabei ist CYP 3A4 am wichtigsten, CYP 2C9 von geringerer Bedeutung. Die Demethylierung führt zu einem Metaboliten, der pharmakologisch ähnlich wirkt, aber weniger aktiv ist. Sildenafil und sein Hauptmetabolit haben eine terminale Plasmahalbwertszeit von etwa 4 Stunden.
Bei Männern über 65 sowie bei solchen mit eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion ist die Clearance der Substanz herabgesetzt. Etwa 80% der Substanz findet sich in metabolisierter Form im Stuhl, etwa 13% im Urin.

Klinische Studien
Klinische Studien
In verschiedenen Studien haben schon mehr als 3700 Männer im Alter von 19 bis 87 Jahren Sildenafil eingenommen.(2). Mehrere Hundert Patienten erhielten das Präparat während mehr als einem Jahr. Bisher wurden jedoch nur die Resultate von wenigen Studien in den Einzelheiten veröffentlicht:
In einer multizentrischen Doppelblindstudie mit fixen Dosen erhielten 532 Männer mit einer erektilen Dysfunktion organischer oder psychogener Ursache jeweils eine Stunde vor Geschlechtsverkehr Sildenafil (25 mg, 50 mg oder 100 mg) oder Placebo. Die Beurteilung der Wirkung erfolgte anhand des «International Index of Erectile Function»; viele Männer hatten vor der Behandlung partielle Erektionen. Während der Studiendauer von 24 Wochen waren alle Sildenafildosen wirksamer als Placebo und verbesserten die erektile Funktion signifikant. Die Wirkung setzte jeweils nach etwa einer halben Stunde ein und konnte bis zu vier Stunden andauern. Nach Einnahme von 50 oder 100 mg Sildenafil waren 80 bzw. 85% der Männer in der Lage, einen normalen Geschlechtsverkehr zu vollziehen, nach Einnahme von Placebo waren es nur 50%.(3).
In einer weiteren 12wöchigen Doppelblindstudie nahmen 329 Männer Sildenafil in individuell titrierten Dosen oder Placebo. Die Dosis konnte hier je nach Wirksamkeit und Verträglichkeit angepasst werden; am Ende der Studie nahmen die meisten Männer (74%) der Sildenafilgruppe jeweils 100 mg. In dieser Studie waren mit Placebo nur 22% der Männer zu einem normalen Geschlechtsverkehr fähig, dagegen 69% der aktiv Behandelten. Es zeigten sich keine grossen Unterschiede zwischen den Männern mit ausschliesslich organisch bedingter erektiler Dysfunktion (knapp 60%) und solchen, deren Störung teilweise oder vollständig psychogen bedingt war. Das Medikament beeinflusste die Libido nicht. (3).
In einer kleinen Crossoverstudie wurde bei 12 Patienten im Alter von 36 bis 63 Jahren die Dauer einer durch visuelle Stimulierung ausgelösten Erektion nach Einnahme von Sildenafil (10 bis 50 mg) und Placebo mittels Plethysmographie gemessen. Sildenafil führte zu einer dosisabhängigen Verlängerung der Erektion. Nach Placebo betrug die Dauer 1 Minute, nach 50 mg Sildenafil 11 Minuten. In einer zweiten Phase erhielten die gleichen Männer während je einer Woche täglich 25 mg Sildenafil oder Placebo. Unter Sildenafil hatten die Männer signifikant mehr Erektionen.(4).
Gemäss Angaben der Herstellerfirma ist Sildenafil bei Männern mit den verschiedensten Ursachen erektiler Dysfunktion (Diabetes mellitus, nach Rückenmarksverletzungen, nach Prostatektomie u.a.) wirksam. (5).

Unerwünschte Wirkungen
Unerwünschte Wirkungen
In den bisher durchgeführten kontrollierten Studien waren nach offiziellen Angaben die folgenden Symptome häufiger als unter Placebo (in Klammern die Prozentzahl der Betroffenen): Kopfschmerzen (16%), Hitzewallungen (10%), Dyspepsie (7%), verstopfte Nase (4%), Sehstörungen (3%). Auch Harnwegsinfekte, Durchfall, Schwindel und Hautausschläge waren bei den mit Sildenafil Behandelten häufiger.
Die Dosis von 100 mg verursachte in der erwähnten Studie mit fixen Dosen bei 30% der Behandelten Kopfschmerzen, bei 20% Hitzewallungen («Flush») und bei 16% Dyspepsie. Diese Dosis hatte auch eine signifikante blutdrucksenkende Wirkung; die maximale Senkung im Stehen lag im Bereich von 8,4 mm Hg (systolisch) und 5,5 mm Hg (diastolisch).
Amerikanische Augenärzte weisen auf das hohe Risiko von Sehstörungen hin, das bei hohen und zu hohen Sildenafildosen besteht. Nach Einnahme von 100 mg sollen etwa 10% der Behandelten «blau» sehen, bei Überdosierung wären es gar 50%. Es ist unklar, ob diese Wirkung auf die Retina langfristig deletäre Folgen für die Photorezeptorzellen haben könnte.(6). In der offiziellen Produkteinformation findet sich ausserdem eine lange Liste von über 100 Symptomen und Zuständen, für welche ein Kausalzusammenhang mit dem Medikament «nicht sicher» ist; die Liste ist deshalb sehr wenig aussagekräftig.
Von grösserer Bedeutung sind die seit Ende März (dem Zeitpunkt der Markeinführung in den USA) bis Juni 1998 der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA gemeldeten 77 Todesfälle im Zusammenhang mit der Einnahme von Sildenafil Obwohl die Behörde in ihrer neuesten Meldung einschränkt, dass nicht alle Berichte zuverlässig seien und zum Teil Ausländer betreffen (!), bleiben für die FDA etwa die Hälfte dieser Todesfälle als möglicherweise Sildenafil-bedingt.(7).
In den meisten Fällen handelte es sich um Patienten über 60, die an Diabetes, koronarer Herzkrankheit, Rhythmusstörungen oder Hypertonie litten. Mehr als die Hälfte starb an kardialen Ereignissen (Infarkt, Herzstillstand). Etwa ein Drittel der betroffenen Männer starb bei oder kurz nach Geschlechtsverkehr Nur bei sechs Männern konnte die Einnahme von Nitraten (die unter Sildenafil kontraindiziert sind, siehe unten) eruiert werden.(7).

InteraktionenInteraktionen
Interaktionen
In vitro kann eine Hemmwirkung von Sildenafil auf mehrere Zytochrome nachgewiesen werden. Bei Patienten, die Nitrogycerin oder andere NO-Donatoren wie Isosorbiddinitrat (z.B. Sorbidilat®), Isosorbidmononitrat (z.B. Corangin®) oder Molsidomin (z.B. Corvaton®) einnehmen, kann Sildenafil zu einem brüsken und massiven Blutdruckabfall führen. In Anbetracht dieser möglicherweise deletären Auswirkung ist die Verabreichung von Sildenafil bei Personen, die kurz- oder langwirkende Nitrate oder nitratähnliche Medikamente einnehmen, kontraindiziert. Die Herstellerfirma hat in diesem Zusammenhang den amerikanischen Notfallärzten ein Schreiben zukommen lassen, das spezifisch vor den Gefahren einer Verabreichung von Nitraten warnt, wenn jemand Sildenafil genommen hat. Eine vorübergehende, aber deutliche Blutdrucksenkung ist auch in Kombination mit Antihypertensiva zu erwarten. Dazu hält der Hersteller jedoch fest, es hätte sich «kein Unterschied des Nebenwirkungsprofils» bei Patienten gefunden, die Sildenafil mit oder ohne gleichzeitige antihypertensive Therapie genommen hätten.
Medikamente, die wie Cimetidin (z.B.Tagamet®), Erythromycin (z.B. Erythrocin®) oder Ketoconazol (Nizoral®) das Zytochrom CYP 3A4 hemmen, führen zu einem Anstieg der Sildenafil-Plasmaspiegel.

Dosierung, Verabreichung, Kosten
Dosierung, Verabreichung, Kosten
Sildenafil (Viagra®) ist als Tabletten zu 25, 50 und 100 mg erhältlich. Das Präparat ist nicht kassenzulässig. Die Hersteller empfehlen, das Medikament nicht mehr als einmal täglich, etwa eine Stunde vor geplantem Geschlechtsverkehr, einzunehmen. Als Standarddosis gelten 50 mg, je nach Wirksamkeit und Verträglichkeit kann die Dosis auf 25 mg gesenkt oder auf 100 mg erhöht werden. Ältere Männer und solche mit Leber- oder Nierenfunktionsstörungen sollten initial nicht mehr als 25 mg nehmen. Die Hersteller raten bei Männern, die an schweren kardiovaskulären Leiden erkrankt sind und kurz nach Infarkten oder Hirnschlägen zu «besonderer Vorsicht». Mit Nitraten behandelte Patienten dürfen kein Sildenafil nehmen, siehe oben (Interaktionen). Das Medikament ist für Frauen nicht indiziert. Der Preis einer Sildenafil-Dosis liegt zwischen CHF 15.- (25 mg-Dosis aus einer 12er Packung) und CHF 23.10 (100mg-Dosis aus einer 4er Packung).

Kommentar
Die Schweiz ist nach den USA mit Costa Rica und Thailand zusammen eines der ersten Länder in denen Sildenafil offiziell zugelassen ist. (Dass es schon vorher mehr oder weniger illegal verkauft wurde, steht auf einem anderen Blatt.) Man muss sich wirklich fragen, ob die hastige Zulassung im Interesse der von einer erektilen Dysfunktion betroffenen Männer liegt. Nicht etwa, dass ich diesen Patienten grundsätzlich medikamentös vermittelte sexuelle Freuden missgönnen würde. Es ist aber nicht zu vermeiden, dass ein Medikament wie Sildenafil auch unter Voraussetzungen und in Dosen genommen wird, die keineswegs dem Packungsprospekt entsprechen. Bei einem solchen Medikament sollten erhöhte Anforderungen an die Verträglichkeit gestellt werden. Beim heutigen Wissensstand muss jedoch im Gegenteil vermutet werden, dass es sich um ein verhältnismässig riskantes Mittel handelt. Dies mag zum Teil in der Natur des behandelten Problems liegen - wir verfügen ja auch nicht über Statistiken, die uns zuverlässige Auskunft geben über Todesfälle beim Geschlechtsverkehr ohne Medikamente. Dennoch muss in Anbetracht der vorliegenden Berichte zu äusserster Zurückhaltung in der Verschreibung von Sildenafil geraten werden. Abgesehen vom schamlos hohen Verkaufspreis ist bisher der Preis von Sildenafil im Sinne eines gesundheitlichen Risikos noch ungenügend geklärt.

Literatur

1 Muirhead GJ et al. Br J Clin Pharmacol 1996; 42: 268P
2 Morales A et al. Int J Impot Res 1998; 10: 69-74
3 Goldstein I et al. N Engl J Med 1998; 338: 1397-1403
4 Boolell M et al. Br J Urol 1996; 78: 257-61
5 http://www.viagra.com/hcp/prod-info-temp.htm
6 Anon. Scrip 1998; 2338: 23
7 http://www.fda.gov/cder/consumerinfo/viagra/viagraupdate721.htm


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«Harte» Daten für Sildenafil

Randomisiert-kontrollierte Studie Goldstein I, Lue TF, Padma-Nathan H et al. Oral sildenafil in the treatment of erectile dysfunction. N Engl J Med 1998 (14. Mai); 338: 1397-1403

Studienziele
Schätzungsweise 39% der Männer im Alter über 40 Jahre und 67% derjenigen über 70 Jahre leiden unter einer erektilen Dysfunktion. Bislang existierten mehr oder weniger invasive Behandlungsmethoden. Sildenafil (Viagra ® ), ein selektiver Hemmer der cGMP-spezifischen Phosphodiesterase Typ 5, scheint die Erektionsbereitschaft auf sexuelle Stimuli zu fördern. Ziel der beiden Teilstudien war es, diese Hypothese zu verifizieren und zu überprüfen, welche Dosierung der Substanz dafür erforderlich ist.

Methoden
An 37 Zentren in den USA wurden Männer, die seit mindestens 6 Monaten an einer erektilen Dysfunktion litten und die in einer stabilen Partnerschaft mit einer Frau lebten, für die zwei Teilstudien rekrutiert. Die erektile Dysfunktion hatte bei 70% der Männer eine organische Ursache, bei 11% eine psychogene Ursache und bei den übrigen handelte es sich um einen Mischtyp. Ausschlussgründe waren u.a. eine Nitrattherapie, ein Schlaganfall oder ein Myokardinfarkt weniger als 6 Monate vor Studienbeginn und ein ungenügend eingestellter Diabetes mellitus. In einer 24wöchigen Dosisfindungsstudie nahmen 532 Teil-nehmer jeweils eine Stunde vor Geschlechtsverkehr Sildenafil (25 mg, 50 mg oder 100 mg) oder ein Placebo. In einer zusätzlichen 12wöchigen Studie nahmen 329 weitere Männer entweder Sildenafil oder Placebo. Hier wurde Sildenafil in Dosen bis zu 100 mg, je nach Wirksamkeit und Verträglichkeit, eingesetzt. Ein Teil dieser Männer konnte das aktive Medikament noch während 32 Wochen nach Bedarf einnehmen. Die Wirksamkeit der Behandlung wurde mit dem «International Index of Erectile Function», einem Patienten-Tagebuch und einem zusätzlichen Fragebogen eruiert.

Ergebnisse
In der Dosisfindungsstudie zeigte sich für alle Sildenafildosen eine signifikante Verbesserung der erektilen Funktion gegenüber der Ausgangssituation und gegenüber Placebo. Männer, die 100 mg Sildenafil einnahmen, konnten im Durchschnitt ihre Punktezahl im «International Index of Erectile Function» verdoppeln. In der Studie, in der eine Dosissteigerung möglich war, vermochten 69% der Sildenafilbehandelten den Geschlechtsverkehr zu vollziehen, jedoch nur 22% der placebobehandelten Männer. Kopfschmerzen, Hitzewallungen und Magenbrennen waren die meistgenannten unerwünschten Wirkungen. Unter 100 mg Sildenafil klagten 30% der Beteiligten über Kopfschmerzen.

Schlussfolgerungen
Die Autoren schliessen, Sildenafil sei eine wirksame und gut verträgliche Behandlung für Männer mit erektiler Dysfunktion.

Die Resultate dieser doppelblinden placebokontrollierten Multizenterstudie mit einem Krankengut von über 800 Patienten sind beeindruckend in allen Indikationsbereichen (psychogen, organisch, gemischt). Wichtig erscheint, dass Sildenafil kein Aphrodisiakum mit Libidosteigerung ist, sondern die natürlichen biochemischen Prozesse am Corpus cavernosum unterstützt. Mit Nachdruck sei auf die wichtigste Kontraindikation hingewiesen: nämlich die Therapie mit organischen Nitraten, um potentiellen deletären Nebenwirkungen vorzubeugen.

Jürg Müller


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