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Psychotherapie per E-Mail

Wie seriös sind Therapeuten, die ihre Dienste im Internet anbieten?
Kann Online-Therapie den persönlichen Kontakt ersetzen?

Die Zeit zwischen den Psychotherapiestunden wird Klienten und Klientinnen oft zu lang. Nur einmal, vielleicht zweimal die Woche können sie ihren Therapeuten, ihre Therapeutin sprechen, manchmal sind die Abstände zwischen den Sitzungen noch länger. Dazwischen müssen sie mit ihren Problemen, ihren Gedanken oder plötzlich auftauchenden Widrigkeiten selbst fertig werden. Nur in äußersten Notfällen sind Psychotherapeuten bereit, jederzeit telefonisch zur Verfügung zu stehen.
Martha Ainsworth kennt solche Probleme nicht. Sie kann mit ihrem Therapeuten kommunizieren, wann immer sie es will. Dazu muß sie noch nicht mal ihre Wohnung verlassen- Sie schickt einfach ein E-Mail und kann sich darauf verlassen, daß die Antwort prompt kommt.
Die Amerikanerin Martha gehört zu einem in den USA rapide wachsenden Phänomen in der Psychotherapieszene: Online-Therapie. Die meisten dieser Therapien finden per E-Mail statt, es gibt aber auch Psychoexperten, die interaktive Gespräche führen. Für eine 30minütige Beratung muß der Hilfesuchende bis zu 90 Dollar bezahlen, nur eine Minderheit von Psychotherapeuten bietet ihre Lebenshilfe umsonst an.
Die Amerikanische Psychologenvereinigung registriert den Zulauf, den Online-Therapeuten haben, mit Sorge. Vor allem zwei Punkte bereiten den traditionell arbeitenden Standesvertretern dabei Kopfzerbrechen:
1. Handelt es sich bei der Online-Beratung überhaupt um Therapie?
Eindeutig nein, räumt der Klinische Psychologe Leonard Holmes ein, der selbst ein bis drei Stunden pro Woche per E-Mail therapeutisch tätig ist. Schwierige psychische Probleme, so warnt er, eignen sich nicht für diese Form der Beratung. Hauptgrund: Nonverbale Signale fehlen. Sie aber sind wichtig für seriöse therapeutische Arbeit. Ob der Klient, die Klientin weint, dem Blickkontakt ausweicht, tief seufzt, die Stimmlage verändert - all das sind wertvolle Hinweise für den Therapeuten, auf die er beim Online-Kontakt verzichten muß. Therapie per Computer kann allerhöchstens funktionieren, meint Holmes, wenn es sich um eher leichte Lebensprobleme handelt. Aktuelle Schwierigkeiten mit dem Partner oder die Unfähigkeit, eine längerfristige Beziehung einzugehen, das seien Themen, die online bearbeitet werden könnten. "Im Grunde tun wir nichts anderes als Radiotherapeuten auch tun. Der Unterschied ist nur, daß Therapie per E-Mail privater ist."

Sind Computertherapeuten seriös?
In einer Studie haben die kalifornischen Psychologen Barry Gordon und Marlene Maheu die Ausbildung der Therapeuten untersucht, die ihre Dienste im Netz anbieten. Einer von fünf "Experten", die auf ihre Umfrage überhaupt antworteten, gab zu, keine offizielle Zulassung als Psychotherapeut zu besitzen. Die Dunkelziffer wird noch sehr viel höher liegen, befürchten Gordon und Maheu, denn viele "schwarze Schafe" werden sich an dieser Befragung erst gar nicht beteiligt haben.
Aber es gibt auch positive Stimmen. Menschen, die beruflich viel unterwegs sind, deren Zeit knapp bemessen ist oder die Vorbehalte haben, eine psychotherapeutische Praxis aufzusuchen, könnten auf diese Weise Hilfe bekommen, die ihnen ansonsten vorenthalten bliebe, meinen die Befürworter der Online-Beratung.
Wer die Computertherapie trotz aller vorhandenen Bedenken für sich in Erwägung zieht, sollte auf jeden Fall Vorsicht walten lassen und den Empfehlungen der Berufsverbände folgen:
1. Fragen Sie nach der Ausbildung des Therapeuten und versuchen Sie, seine Angaben zu überprüfen.
2. Legen Sie Stundenhonorar und Therapieziele im voraus fest.
3. Klären Sie, wie schnell Sie mit einer Antwort des Therapeuten/der Therapeutin rechnen können, wie oft Sie Kontakt aufnehmen dürfen und wie lange die Therapie dauern soll.
4. Versuchen Sie nicht, ernsthafte oder akute Probleme per Computertherapie zu lösen. Suchen Sie in solchen Fällen lieber einen niedergelassenen Psychotherapeuten auf.
5. Seien Sie mißtrauisch, wenn ein Therapeut rasche Hilfe für ein komplexes Problem verspricht. Vor allem dann sollten Sie hellhörig werden, wenn er/sie Ihnen große Versprechungen macht, ohne Sie und Ihre Geschichte wirklich zu kennen.

Psychologische Hilfe im Netz:
Unter folgenden Internet-Adressen werden Informationen zu psychischer Gesundheit, psychologischer Beratung und Selbsthilfe angeboten:
Beurteilung / Bemerkung
http://www.metanoia.org/imhs Liste von Online-Therapeuten.
http://www.cmhc.com/check Unabhängiger Service, der Ausbildung und Zulassung von Online-Therapeuten überprüft.
http://www.apa.org Eingerichtet von der Amerikanischen Psychologenvereinigung. Gibt Hinweise auf Hilfsmöglichkeiten bei psychischen Problemen.
http://www.shpm.com Ein Selbsthilfe- und Psychotherapiemagazin, das täglich aktualisiert über psychologische Forschung und Therapie berichtet.
http://www.psychologie-online.ch Ein seriöses Schweizer Angebot.

aus: PSYCHOLOGIE HEUTE April 1998


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Last updated 05.05.98